Gestresster Pendler

Pendelstress vermeiden: Sorgen Sie für einen guten Tag

Verbesserungen beim morgendlichen Pendeln den ganzen Tag über spürbar

Der gefürchtete morgendliche Weg zur Arbeit Ob er nur wenige Minuten oder ganze Stunden dauert: Der tägliche Pendelstress wirkt sich negativ auf die Stimmung und Motivation von Angestellten aus – und langfristig auch auf das Unternehmensergebnis. Jon M. Jachimowicz, PhD Candidate an der Columbia Business School, und Geraldine Delplanque, Global Marketing Director of Mobility & Expenses bei Sodexo, beleuchten die Frage, wie die negativen Auswirkungen des Pendelns verringert werden können.

In der letzten Zeit hat sich das Phänomen des täglichen Pendelns in mehrfacher Hinsicht verändert. Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Betroffenen aus?
Jon M. Jachimowicz: Zum Ersten nimmt der tägliche Weg zur Arbeit immer mehr Zeit in Anspruch. Aufgrund von Faktoren wie der Ausweitung der Stadtgebiete können es sich immer weniger Arbeitnehmer leisten, in der Nähe ihres Arbeitsplatzes zu wohnen. Die Zahl der Pendler nimmt daher stetig zu. Zurzeit beträgt die Dauer der täglichen Fahrt zur Arbeit in einer Richtung global durchschnittlich 38 Minuten – das sind etwa 300 Stunden pro Jahr oder 10 Prozent der gesamten Zeit, die Pendler täglich für die Arbeit aufwenden. Mehrere Prognosen gehen sogar davon aus, dass sich diese Zahl in den nächsten Jahren noch erhöhen wird. Hinzu kommt, dass das Pendeln, insbesondere der morgendliche Arbeitsweg, von den Mitarbeitern unverändert als der unangenehmste Teil ihres Arbeitstages bewertet wird.
Geraldine Delplanque: Das stimmt, die Entwicklungen in der Urbanisierung haben große Auswirkungen auf die Dauer des Pendelns. Der tägliche Arbeitsweg stellt sich auch im Zusammenhang mit dem Kampf um die besten Mitarbeiter als eines der wichtigsten Themen heraus und bereitet daher zunehmend Kopfzerbrechen. Andererseits möchte ich aber auch auf eine positive Entwicklung hinweisen: Auch die Zahl der innovativen Lösungen für dieses Problem nimmt immer mehr zu. Noch vor kurzem hatten Arbeitnehmer eine sehr begrenzte Auswahl an Pendeloptionen: das eigene Auto oder öffentliche Verkehrsmittel. Heute sind multimodale, also kombinierte, Lösungen mit mehreren Verkehrsmitteln bereits die Realität. Beispielsweise kann der erste Abschnitt des Weges per PKW und der letzte per Fahrrad zurückgelegt werden. Auch Mitfahr-Plattformen stehen zur Verfügung. Eine weitere Option ist das dynamische Parken. Vielleicht können diese verschiedenartigen Lösungen sogar die negativen Folgen des Pendelns reduzieren.

Welche Auswirkungen hat es auf den Rest des Arbeitstages, wenn die negativen Aspekte des Pendelns verringert werden?
Jon M. Jachimowicz: Arbeitnehmer wechseln beim Pendeln nicht nur zwischen zwei Orten, sondern auch zwischen verschiedenen Rollen hin und her. Zu Hause kann jemand beispielsweise die Rolle eines Elternteils ausfüllen, auf Arbeit dann die eines Mitarbeiters oder Managers. Wer den täglichen Weg zur Arbeit nicht nur für den physischen, sondern auch für den psychischen Übergang von der einen Rolle zur anderen nutzt, ist bei der Ankunft bereit, in den Tag zu starten und die Herausforderungen der Rolle am Arbeitsplatz anzunehmen. Unsere Studien haben gezeigt, dass eine unzureichende Umstellung zu Verstimmungen führt, die die Arbeitnehmer auslaugen und Unzufriedenheit mit dem Job sowie Erschöpfung zur Folge haben.
Geraldine Delplanque: Ja, das habe ich bei unseren Kunden gesehen: Unangenehme Erfahrungen beim Pendeln führen zu Stress am Arbeitsplatz, welcher sich erheblich auf Effizienz und Konzentration auswirkt und darüber hinaus zur Folge hat, dass Arbeitnehmer weniger mit Kollegen interagieren und über gesundheitliche Probleme wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen sowie Herz-Kreislauf-Probleme und Erkrankungen des Bewegungsapparats klagen. All diese Faktoren können letztlich zur Demotivation der Arbeitnehmer beitragen.

Herr Jachimowicz, in Ihrer Forschung sprechen Sie die Bekämpfung von Pendelstress direkt an. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?
Jon M. Jachimowicz: Nicht immer haben wir Einfluss darauf, wie unser täglicher Arbeitsweg aussieht, wir können jedoch beeinflussen, was wir in dieser Zeit tun oder denken. Das können entweder Dinge sein, die eine sofortige Belohnung beinhalten, wie z. B. Tagträumereien oder Musikhören; es können aber auch Dinge sein, die einen langfristigeren Effekt bringen, z. B. das Nachdenken über Tagespläne und Ziele. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Personen, bei denen der Charakterzug der Selbstkontrolle stärker ausgeprägt ist, mit größerer Wahrscheinlichkeit langfristig orientierten Gedanken nachgehen. Mit anderen Worten: Diese Menschen denken mit größerer Wahrscheinlichkeit über den Arbeitstag nach, der vor ihnen liegt. Im Ergebnis sind sie weniger anfällig für die negativen Auswirkungen langen Pendelns, da ihnen das arbeitsbezogene Denken morgens eine effektivere Umstellung auf ihre Rolle am Arbeitsplatz ermöglicht.

Was können Arbeitgeber tun, um das Pendeln für die Arbeitnehmer angenehmer zu gestalten?
Jon M. Jachimowicz: Arbeitgeber müssen verstehen, dass sich das Pendeln darauf auswirkt, wie Arbeitnehmer über ihre Arbeit denken und wie sie sich dort verhalten. Daher sollte sich das Management nicht erst ab dem Moment für die Angestellten interessieren, in dem diese durch die Tür ins Büro treten. Eine ganzheitlichere Betrachtung ist erforderlich. Die Art und Weise und die Dauer des Pendelns beeinflussen die Einstellung der Mitarbeiter zur Arbeit, wie diese sich am Arbeitsplatz verhalten und welche Leistungen sie erzielen. Zudem besteht ein Zusammenhang zu der Wahrscheinlichkeit, ob ein Mitarbeiter beim Unternehmen bleibt oder dieses verlässt.
Geraldine Delplanque: Die Unternehmen spielen auch eine wichtige Rolle bei der Förderung neuer Modelle und Wege: Für das Pendeln bedeutet das individuelle Ansätze und Flexibilität. Das Pendeln ist multimodal und vielseitig geworden, und damit ist es nicht nur mehr Aufgabe des Unternehmens, Mitarbeiter auf ihrem täglichen Arbeitsweg zu unterstützen, sondern auch, ihnen zu jeder Tageszeit Zugang zu den besten Transportoptionen zu ermöglichen.
Vorreiterunternehmen sind außerdem bereits dabei, nach innovativen Alternativen zum herkömmlichen Arbeitsplatz zu suchen. Die physische Anwesenheit einiger Mitarbeiter ist heute nicht mehr erforderlich. Das Arbeiten von zu Hause oder von einem Coworking-Büro sind hervorragende Lösungen, um das Pendeln vollständig zu vermeiden. Auch flexible Ankunftszeiten haben sich als sinnvoll erwiesen. Indem sie Angestellten die Möglichkeit gibt, sich den Tag selbst so effizient wie möglich zu organisieren, trägt die Gleitzeit eindeutig zu einer Verbesserung der Work-Life-Balance bei.

Frau Delplanque, können Sie uns mehr über die multimodalen Lösungen von Sodexo erzählen?
Geraldine Delplanque: Eine unserer Lösungen, die XXImo Mobility Card, wurde speziell dazu entwickelt, unter anderem die unangenehmsten Aspekte für Pendler zu beseitigen. Mithilfe dieser Karte können Pendler und Geschäftsreisende alle Verkehrsmittel nutzen und bequem bezahlen: ob Auto, Taxi, Zug, Straßenbahn, Bus, Car- und Bikesharing oder Flugzeug. Die XXImo-Plattform und das zugehörige Händlernetzwerk ermöglichen die Digitalisierung des gesamten Prozesses, von der Transaktion, Autorisierung und Kostenzuweisung bis hin zur direkten Verarbeitung durch das Rechnungswesen.
Darüber hinaus steigert die neue App MILO die Mobilität der Mitarbeiter noch zusätzlich: Sie hilft Pendlern dabei, auf dem besten Wege und zur rechten Zeit ans Ziel zu kommen. So kann der Benutzer z. B. einfach zwischen PKW und öffentlichen Verkehrsmitteln wechseln und sich die Route schnell automatisch neu berechnen lassen. Mit MILO kann in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Taxi und für das Parken bezahlt werden. Diese App ist als digitaler Assistent gedacht, der Pendlern bei perfekter zeitlicher Planung die beste Kombination aus verschiedenen Verkehrsmitteln vorschlägt.

Herr Jachimowicz, gibt es auch Dinge, die von den Unternehmen noch zu wenig zur Verbesserung des Pendelns genutzt werden?
Jon M. Jachimowicz: Viele große Firmen sitzen auf einem riesigen Datenschatz. Sie wissen, wie lange ihre Mitarbeiter für den Arbeitsweg brauchen, wie zufrieden sie mit ihrem Job sind und welche Mitarbeiter einen Wechsel in Betracht ziehen. Aber sie analysieren all diese Daten nicht ausreichend. Anhand dieser Daten lassen sich Vorhersagemodelle darüber aufstellen, wer das Unternehmen mit der größten Wahrscheinlichkeit verlassen wird, warum manche Mitarbeiter bessere Leistungen erzielen als andere und was getan werden kann, um das zu ändern. Den Unternehmen fehlt oft das theoretische Wissen und die analytischen Fähigkeiten, oder es fehlt einfach an einer ganzheitlichen Denkweise. Als Wissenschaftler ist es mein Ziel, mit Unternehmen zusammenzuarbeiten, um diese Fragen zu beantworten und den Firmen ein besseres Verständnis ihrer Arbeitnehmer zu ermöglichen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse helfen uns schließlich auch dabei, den Forschungsstand weiterzuentwickeln.

Über Stefanie Rehm

Stefanie Rehm ist Diplom-Onlinejournalistin und für eine Frankfurter Internetagentur tätig. Als Expertin für alle Formen der unternehmensinternen und – externen Kommunikation kümmert sie sich unter anderem um diverse Online-Magazine oder um die Außendarstellung der Agentur-Kunden. Seit über drei Jahren schreibt sie regelmäßig Fachartikel und Blogartikel rund um Human Resources Management.