Fünf Mitarbeiter stehen in Wahlkabinen mit zugezogenen Vorhängen

Die Wahl zum Chef – wenn Angestellte ihren Vorgesetzten selbst bestimmen

Absolute betriebliche Demokratie als Führungskonzept der Zukunft?

Wenn Mitarbeiter ihren Chef wählenWir haben in den letzten Wochen des Öfteren über eher unkonventionelle Methoden in Sachen Personalführung und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz berichtet. Bei den ersten Unternehmen ist die Rolle des Chefs als Alleinherrscher schon ad acta gelegt und die Mitarbeiter bestimmen selbst die Höhe ihres Gehalts oder die Anzahl ihrer Urlaubstage. Ein regelrechter Wandel scheint in den Führungsetagen statt zu finden. Auf der Zukunft Personal vor zwei Wochen war das Thema „Demokratie und Selbstbestimmung im Unternehmen“ in aller Munde. Auf der Tagesordnung standen so einige Diskussionsrunden und Vorträge zum Thema mit Titeln wie „Führen ohne Führungskräfte: Tschüss, Chef!“.

Diesen Titel scheinen sich mehr und mehr Unternehmen auf die Fahne zu schreiben. Bei der tempus GmbH gilt z.B. die Regel, dass Führungskräfte, die nach ihrer Beurteilung durch die Mitarbeiter mit einer schlechten Note abschneiden, die Firma möglichst verlassen sollen.

Bei der Haufe-umantis AG, dem Tochterunternehmen der Freiburger Haufe Gruppe, wählen die Angestellten Ihren Vorgesetzten per anonymer Abstimmung selbst und sollen so strategisch in Entscheidungen mit einbezogen werden und aktiv Verantwortung übernehmen. Maßnahmen wie diese stärken nachweislich die Bindung zum Betrieb, die Zufriedenheit der Mitarbeiter und vor allem die Motivation.

Geschäftsführer Marc Stoffel, der ebenfalls per Wahl zu seiner Position kam, ist der Ansicht: „Wir glauben, dass in Wahrheit Mitarbeiter Unternehmen führen. Deshalb streben wir danach, alle Mitarbeiter in wichtige Unternehmensentscheidungen miteinzubeziehen. Die Be­legschaft weiß oftmals schneller und besser als das Top Management, was das Unternehmen braucht.“

Alle Macht dem Mitarbeiter – Renner oder Risiko?
Woher aber kommt dieser Trend zur absoluten betrieblichen Demokratie? Droht hier nicht die Gefahr, dass am Ende der Beliebteste und nicht der Qualifizierteste gewählt wird? Kommt man überhaupt zu einem Ergebnis, wenn jeder immer zu allem seinen Senf dazu geben darf? Braucht es bei diesen modernen Strukturen überhaupt noch einen Chef?

Fakt ist, die junge Generation sehnt sich heute im Beruf nach mehr Selbstbestimmung und Flexibilität. Bedürfnisse, die in Zeiten des Fachkräftemangels nicht ungehört bleiben dürfen. Absolute betrieblicDemokratie am Arbeitsplatzhe Demokratie bedeutet aber auch, dass es erhebliche Veränderungen in Kommunikation und Abläufen geben muss, was erst einmal einer gewissen „Eingewöhnungszeit“ für reibungslose Abläufe bedarf – und Zeit ist bekanntlich Geld. Es bleibt also abzuwägen, in wie weit die Selbstbestimmung am Arbeitsplatz zum direkten Erfolg führen mag.

Mehr Demokratie im Unternehmen muss jedoch gar nicht heißen, gleich alle Verantwortung abzugeben und unter der gesamten Belegschaft aufzuteilen. Oft führt schon die Einführung von Gleitzeit, die Möglichkeit eigene Ideen zu realisieren oder das Involvieren der Mitarbeiter in die Personalbeschaffung zu mehr Zufriedenheit. Der Grad der Selbstbestimmung ist eine Variable, den es individuell zu bestimmen gilt. Demokratie bedeutet schließlich die Freiheit zur Wahl.

Über Stefanie Rehm

Stefanie Rehm ist Diplom-Onlinejournalistin und für eine Frankfurter Internetagentur tätig. Als Expertin für alle Formen der unternehmensinternen und – externen Kommunikation kümmert sie sich unter anderem um diverse Online-Magazine oder um die Außendarstellung der Agentur-Kunden. Seit über drei Jahren schreibt sie regelmäßig Fachartikel und Blogartikel rund um Human Resources Management.