Das Vorstellungsgespräch im Wandel

Verabredung statt Verhör? Das Vorstellungsgespräch im Wandel

Veränderung trifft Mitarbeitermotivation - eine Kolumne von Ilja Grzeskowitz, Motivationsexperte, Firmenberater und Veränderungs-Coach

Haben Sie bei einem Vorstellungsgespräch einen potenziellen Mitarbeiter schon einmal gefragt, wie viele Smarties in einen Bus passen oder welches Tier er gerne wäre? Diese sogenannten Brainteaser-Fragen sollen dem Bewerber so richtig auf den Zahn fühlen. Doch in der Regel sagen sie nur eins aus: Im Personaler scheint ein mäßig talentierter Hobby-Psychologe zu stecken, der wohl immer noch glaubt, dass ein Löwe die ideale Führungskraft ist und ein Adler für Qualitätsmanagement steht.

In Zeiten des Fachkräftemangels kann sich das heute kein Unternehmen mehr erlauben. Den „Luxus“, geeignete Bewerber unter Stress zu setzen und diese einmal so richtig auszuquetschen, kann sich ebenso niemand mehr leisten. Die Konsequenz: Der qualifizierte Bewerber geht zur Konkurrenz. Darüber hinaus ist heutzutage der Griff zur Tastatur nicht weit: Das Unternehmen bekommt negative Bewertungen in Sozialen Medien, sodass das Image auch öffentlich leidet.

In Zukunft fragen sich die besten Bewerber, ob sie sich diesen Spielchen wirklich aussetzen wollen. Es geht nämlich schon lange nicht mehr nur darum, den Bewerber auf Herz und Nieren zu checken, sondern auch darum sich selbst als attraktiven Arbeitgeber zu präsentieren. Eine Infratest-Umfrage „Weiterbildungstrends in Deutschland 2016“ der Studiengemeinschaft Darmstadt, zu der 300 deutsche Personalverantwortliche befragt wurden, ergab, dass auch der Arbeitnehmer sich bei einem Vorstellungsgespräch beweisen muss und Bewerbungsgespräche längst auf Augenhöhen stattfinden.

Das erste Kennenlernen

Mehr denn je ist beim modernen Vorstellungsgespräch auch das Unternehmen in der Pflicht, sich von der besten Seite zu präsentieren. Welche Punkte unverzichtbare Bestandteile des Bewerbungsgesprächs sind und was Sie vermeiden müssen, erfahren Sie in der folgenden Top 10 Liste für moderne Bewerbungsgespräche.

Die zehn wichtigste Punkte, die Sie als Arbeitgeber in Bewerbungsgesprächen beachten sollten:

  1. Begegnen Sie dem Bewerber auf Augenhöhe.
  2. Die Teilnehmer am Gespräch symbolisieren, für wie wichtig das Gespräch auf Unternehmensseite erachtet wird. Überlegen Sie sich, ob der Abteilungsleiter oder der Geschäftsführer anwesend sein sollte. Vermeiden Sie allerdings Pseudo-Anwesenheit: Wenn der Teamleiter sich während des Gesprächs erst den Lebenslauf anschaut, wirkt das unprofessionell. Daher allen Beteiligten vorab den Leitfaden des Gesprächs zukommen lassen.
  3. Stellen Sie keine Standardfragen. Setzen Sie auf einen individuell ausgearbeiteten Leitfaden.
  4. Sitzen Sie über Eck oder an einem runden Tisch. Verhör-Atmosphäre ist out!
  5. Auf die Körpersprache achten: Gelangweilt drein zu blicken und auf die Uhr zu schauen machen den Bewerber nervös. Fallen Sie ihm zudem nicht ins Wort reden Sie nicht mehr als der Bewerber.
  6. Wenn der Bewerber eine Frage nicht beantworten kann, sollte man lieber das Thema wechseln anstatt „rumzubohren“ und ihn weiter in Stress zu versetzen. Ein skeptischer Unterton sollte vermieden werden. Nehmen Sie dem Kandidaten lieber die Nervosität: Bei Blackouts sollten Sie Verständnis zeigen und darauf hinweisen, dass man vor kurzem selbst noch auf der anderen Seite saß oder dass man auch nervös ist, da die Stelle von großer Bedeutung ist.
  7. Versuchen Sie vom ersten Moment an den Bewerber wie einen richtigen Mitarbeiter zu behandeln, schon der Pförtner sollte den Namen kennen.
  8. Fragen, die sich der Bewerber meistens schämt zu stellen: Wie geht es weiter? Gibt es ein zweites Gespräch? Wer ist meine Kontaktperson? Bekomme ich die Fahrtkosten erstattet?
  9. Wenn heikle Fragen gestellt werden sollen, dann gegen Ende des Gesprächs wenn alle Beteiligten schon etwas warm miteinander geworden sind. Will man etwas zur Analyse-Kompetenz herausfinden, sollte man lieber auf Fallstudien zurückgreifen. Arbeitsproben sollten für beide Seiten hilfreich sein und Aufschluss geben („Auch Sie können sich ein besseres Bild von den möglichen Aufgaben machen.“).
  10. Klären Sie den Bewerber über Weiterbildungsangebote (z.B. IT, BWL, aber auch Soft Skills wie Mitarbeiterführung und Persönlichkeitsentwicklung) auf. Auf diesen Punkt legen Bewerber heutzutage am meisten Wert.

Fazit: Ein Vorstellungsgespräch auf Augenhöhe bedeutet nicht, dass ein Bewerber von nun an die ganze Sache „locker“ sehen kann und sich nicht mehr bemühen muss. Im Gegenteil, das Gespräch darf ruhig inhaltlich in die Tiefe gehen. Denn nach einem schwierigen Gespräch fühlt sich der Bewerber später glücklicher in seiner neuen Stelle, das belegen Studien. Allerdings ist auch der Arbeitgeber angehalten, von sich zu überzeugen – besonders wenn es darum geht im Kampf um die Fachkräfte zu bestehen.

Sehen Sie es als eine Art erstes Date, bei dem man sich kennenlernt und sieht, ob man zusammen passt und wobei man sich eben von seiner besten Seite zeigt. Kein Verhör, sondern – im Idealfall – der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Bild: shutterstock/  baranq

Über Ilja Grzeskowitz

Der Motivationsspezialist Ilja Grzeskowitz gilt als Experte auf seinem Gebiet, ist Firmenberater, Veränderungs-Coach, Buchautor und gefragter Keynote Speaker. Für seine Arbeit und sein Engagement erhielt er bereits Auszeichnungen wie u.a. den “Publikumspreis für herausragende Rednerleistungen” und den Rednerpreisen “Best Media 2013″ sowie den “Best Performer 2014″. Als ehemaliger Geschäftsführer kennt er sich aus mit Mitarbeitermotivation und den Herausforderungen in der Chefetage.