Mitarbeiter am Arbeitsplatz kriegt Hand auf Schulter gelegt

Verordnete Empathie? Der Fall Amazon und was wir daraus lernen können

Motivation am Montag von Nicola Fritze, Expertin für Persönlichkeitsentwicklung und Motivation

Dieser Tage sorgt Amazon für bemerkenswerte Schlagzeilen. Die New York Times berichtete in einer langen Reportage über die Arbeitskultur beim Versandriesen. Und die ist anders als das, was wir von Google und Co. sonst so hören.

Mitarbeiter bei Amazon berichten von einem Klima der Intrige. Feedback-Kanäle werden missbraucht, um Kollegen gezielt um ihren guten Ruf zu bringen. Der enorme Leistungsdruck im Unternehmen bringt laut Artikel starke psychische Begleiterscheinungen mit sich. Tränen am Arbeitsplatz, auch bei gestandenen Managern, seien die Regel und nicht die Ausnahme. Mitarbeiter berichten zudem von Emails im Urlaub und spät nachts – inklusive der Aufforderung per SMS, die Nachrichten schneller zu beantworten. Das sind nur wenige Punkte einer langen Liste ziemlich negativer Einblicke in eines der wichtigsten Internet-Unternehmen.

Erstaunlich, dachte ich mir. Der Trend geht doch eigentlich in eine ganz andere Richtung! Intrinsische Motivation und Spitzenleistung gedeihen schließlich langfristig am besten dort, wo Mitarbeiter in vertrauensvoller, menschlicher Atmosphäre arbeiten. Nicht ohne Grund denken immer mehr Unternehmen über Begriffe wie Unternehmenskultur, Kollaboration und Mitarbeiterzufriedenheit nach.

Amazon hat sich der New York Times nach für das Gegenteil entschieden: das kurzfristige Auspressen von Menschen unter hohem Druck. Damit nimmt das Unternehmen seelische und körperliche Schäden seiner Mitarbeiter offenbar sehenden Auges entgegen. Und nicht nur das: es mutet sich selbst eine hohe Mitarbeiterfluktuation zu. Schließlich ertragen nur die wenigsten dauerhaft ein Klima des Sozialdarwinismus. Daraus folgt der andauernde Druck, neue Mitarbeiter zu gewinnen und einzuarbeiten. Macht das Sinn?

Der Gründer von Amazon, Jeff Bezos, hat inzwischen auf die Reportage reagiert. Er hat eine interessante Schlussfolgerung aus dem New York Times-Artikel gezogen: Mitarbeiter werden ab jetzt auch mit Blick auf ihre Empathiefähigkeit evaluiert. Mitarbeiter, denen von ihren Kollegen auf einer Skala von 0-100 wenig Empathie zugesprochen wird, werden innerhalb von 24 Stunden aus dem Unternehmen entfernt. Damit macht Amazon jedoch genau so weiter wie bislang – schließlich können solche Mechanismen leicht für Intrigen und Mobbing missbraucht werden. So wie die bisherigen Evaluations- und Feedbackkanäle, von denen die New York Times berichtet, auch.

Die echte Lösung ist unbequemer und dauert deutlich länger als solche Schnellschüsse. Wer seine Unternehmenskultur verändern möchte, muss ans Verhalten im Alltag ran. Mitmenschlichkeit, Empathie und Fairness sind hohe Werte. Keiner kann sie von oben herab diktieren. Es sind Haltungen, die aus unserem Inneren kommen. Man kann sie lernen – aber nicht in einem Klima des Drucks und der erzwungenen Höchstleistung. Ob Amazon das begriffen hat? Die bisherigen Reaktionen lassen mich das bezweifeln.

Über Nicola Fritze

Nicola Fritze ist erfolgreiche Rednerin, Trainerin, Podcasterin und Buchautorin zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Motivation. Die Pädagogin ist zudem gefragte Beraterin für Unternehmen zu strategischen Fragen der Mitarbeitermotivation. Ihr Buch „Motivier Dich selbst – sonst macht’s ja keiner!“ ist seit 2013 auf dem Markt.

Weitere Informationen finden Sie auf www.nicolafritze.de.