Mitarbeiter sitzen am Tisch um gezeichnetes Arbeitsmaterial und halten großes Plakat mit Schriftzug Coaching

Der Chef als Trainer für die Talente von morgen

Von Digitalisierung, Whatsapp und Talentförderung

Die Digitalisierung ist kein Zukunftsszenario mehr. Wirtschaft und Arbeitswelt werden umgekrempelt. Viele Berufe verschwinden oder verändern sich radikal. Roboter dringen in Kernbereiche menschlicher Tätigkeit wie Kinderhüten und Altenpflege vor. Das Internet breitet sich in Uhren, Autos, Waschmaschinen, sogar Kleidungsstücken aus. Nur gut, dass jetzt eine Generation junger Menschen ins Berufsleben eintritt, die sich mit all dem auskennen und in der digitalen Welt bewegen wie Fische im Wasser: die sogenannte „Generation Z“ mit Geburtsjahrgängen ab 1995. Nur die Ausbildungsbetriebe müssen noch nachziehen und sich auf die neue Welt und ihre Regeln einrichten.

Ausbildung heute – Ziele für die Zukunft

Welche Fähigkeiten zukünftig von Arbeitnehmern erwartet werden, beschrieb z. B. 2014 eine Studie von Successfactors/SAP: Für Fachkräfte wird es immer wichtiger, sich flexibel zu zeigen und gefragte Qualifikationen aufzubauen. Unternehmen tendieren stärker dazu, kurzzeitig Fachkräfte mit bestimmten Kompetenzen einzustellen. Temporäre Projektteams könnten bald wichtiger werden als die traditionelle Stammbelegschaft. Klassische Laufbahnen spielen daher eine immer geringere Rolle; Arbeitnehmer werden in ihrem Lebenslauf eher spezielle Fähigkeiten sowie Team- und Führungserfahrung hervorheben.

Die Jugendlichen der Generation Z sind auch schon darauf eingerichtet: Flexible Teams, der häufige Wechsel von Aufgaben und eigenverantwortliches Handeln sind für sie die beste Art zu arbeiten. Fehlende Sicherheiten werden für ein Mehr an Freiheit gern in Kauf genommen. Die lebenslange Beschäftigung bei einem einzigen Arbeitgeber erscheint als Lebensbild aus dem vorigen Jahrhundert.

Der Chef als Multiplikator von Talenten

Wie muss sich nun ein Betrieb aufstellen, der diese Generation ausbilden und mit ihr auf die Zukunft setzen will? Welche Art Chef, Meister, Ausbilder oder Personalentwickler wird gebraucht? In einer Studie stellte facit 2014 fest: Er oder sie muss vor allem Stärken erkennen und fördern, ein angenehmes Arbeitsumfeld schaffen, Entscheidungen klar und offen treffen, bei Problemen helfen statt Druck auszuüben und konstruktives Feedback geben.

Ähnlich fällt die Typologie der modernen Chefs aus, die Liz Wiseman und Greg McKeown in ihrem Buch „Multipliers: How the Best Leaders Make Everyone Smarter“ beschreiben. Sie unterscheiden grundsätzlich in „Multiplikatoren“ und „Verhinderer“. Multiplikatoren stellen Fragen, statt eigene Lösungen in den Mittelpunkt zu stellen. Ihr Ziel ist es, die Potenziale ihrer Azubis zu erkennen und zur Entfaltung zu bringen. Verhinderer dagegen verfolgen vor allem eigene Ideen und sind blind für Alternativen.

Wiseman und McKeown beschreiben auch, wie Multiplikatoren arbeiten. Sie ziehen Talente an und geben ihnen Raum zur Entwicklung. Sie schaffen ein positives Klima, in dem jeder seine besten Leistungen erbringt, und belohnen sie auch angemessen – heute am besten mit individuellen und altersgemäßen Vergünstigungen wie z. B. einer Kostenübernahme fürs Handy oder einem flexiblen Bonus. Multiplikatoren formulieren Herausforderungen, die Mitarbeiter motivieren und wachsen lassen. Sie sind offen für abweichende Meinungen und neue Vorschläge. Vor allem sehen sie sich als Mentor und Förderer für ihr Team; Erfolge werden gemeinsam errungen, bei Niederlagen wird nach Lösungen gesucht, nicht nach Schuldigen.

Übrigens nutzen moderne Chefs heute Kanäle zur Kommunikation und zum Recruiting, auf denen sich die jungen Nachwuchstalente auch im Alltag bewegen. Facebook und Whatsapp sind Alltagsmedien, die zum Beispiel für Trainee-Talks und das Beantworten von allgemeinen Fragen in Gruppenchats nützlich sein können. Der Austausch miteinander steht im Vordergrund.

Lernen von der Nationalmannschaft

Spätestens seit der WM 2014 gilt der Führungsstil von Jogi Löw als Paradebeispiel für diesen Weg. Während viele Trainer immer noch gerne den brüllenden Zuchtmeister oder unnahbaren Herrscher spielen, setzt Löw auf eine flache Hierarchie in der deutschen Mannschaft. Sein Team hat keinen starken Mann an der Spitze, dafür mehrere stärkere Männer dahinter. „Die Zeit ist vorbei, in der man Dinge vorgibt und die Spieler oder die Mitarbeiter schlucken das, ohne es zu hinterfragen. Führungsstärke hat heute enorm viel mit Kommunikation zu tun“, sagte Joachim Löw in einem Welt-Interview. Als Trainer brauche er einen guten Zugang zu den Spielern, „(ich) will ihnen vermitteln, warum ich bestimmte Entscheidungen oder Maßnahmen ergreife“. Er möchte die Spieler „mit ins Boot holen, sie für meinen Weg gewinnen“.

Viele Chefs und Ausbilder werden sich sicher nicht von heute auf morgen auf diese neue Rolle einstellen können. Doch allein schon das Fragen und Zuhören sind ein guter Anfang und sicher von den meisten zu bewältigen. Wem aber Zweifel kommen, ob dieses Neue denn funktionieren kann, sollte sich ruhig mal ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft anschauen. Das Halbfinale gegen Brasilien zum Beispiel. Danach macht der „Trainer-Stil“ gleich sehr viel mehr Freude.

Über Stefanie Rehm

Stefanie Rehm ist Diplom-Onlinejournalistin und für eine Frankfurter Internetagentur tätig. Als Expertin für alle Formen der unternehmensinternen und – externen Kommunikation kümmert sie sich unter anderem um diverse Online-Magazine oder um die Außendarstellung der Agentur-Kunden. Seit über drei Jahren schreibt sie regelmäßig Fachartikel und Blogartikel rund um Human Resources Management.