Frust im Büro

Selbstorganisation am Arbeitsplatz? Wie überzogene Hoffnungen Mitarbeiter demotivieren können

Motivation am Montag von Nicola Fritze, Expertin für Persönlichkeitsentwicklung und Motivation

Selbstorganisation – kaum ein Wort schlägt mir derzeit häufiger entgegen. Egal, wo ich Vorträge halte oder coache: Eine Frage zu dem Thema kommt garantiert. Teams wollen sich selbst führen, Führungskräfte wollen Entscheidungshoheit abgeben, ganze Unternehmen schaffen die klassische Pyramidenstruktur ab… in Deutschland bricht die Experimentierfreude aus! Wer hätte das gedacht.

Kaum ein Thema sorgt für mehr Energie – und zugleich leider auch für viel Frustration. In der Regel werde ich angesprochen, wenn…

  • Teams im Chaos versinken, weil die gewohnten Führungsstrukturen wegfallen.
  • Führungskräfte frustriert sind, weil ihre Teammitglieder nicht so schnell Verantwortung übernehmen, wie erhofft.
  • alte Kontroll-Reflexe ausbrechen, weil neue Organisationsstrukturen nicht reibungslos funktionieren.

Dann sitzen Menschen mit langen Gesichtern vor mir und sagen: „So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Selbstorganisation funktioniert wohl doch nicht!“ Das fühlt sich an wie ein kollektiver Kater, ein Brummschädel nach einem großen Hoffnungs-Rausch.

Zu Beginn war ich etwas überrascht ob dieser negativen Emotionen. Schließlich sind die meisten Unternehmen mehr als geschult im Umgang mit Veränderungsprozessen, die nicht so laufen wie erhofft.

Aber beim Thema Selbstorganisation am Arbeitsplatz ist das eben etwas anders. Hier schlagen die Emotionen und vor allem die Hoffnung hoch. Die Idee, sich selbst zu führen, löst bei vielen echte Erlösungsträume aus: „Wenn wir das machen, wird endlich alles besser!“ Man entscheidet und führt aus. Perfekte Welt!

Perfekte Welt durch Selbstorganisation? Eben nicht.

Selbstorganisation hat, wie alles, Vor- und Nachteile. Der Wechsel von hierarchischer Struktur in Selbstorganisation funktioniert nicht einfach so, von einem Tag auf den anderen. Tatsächlich: Selbstorganisation muss man so richtig lernen. Und wie es mit Lernen so ist ­– es gibt Rückschritte, Frust, Schwierigkeiten.

Die stehen dann in großem Unterschied zur erhofften, idealen Welt. Wenn man als Führungskraft einfach nicht aus der Entscheiderrolle rausfindet. Oder wenn Teammitglieder merken, wie schwierig es manchmal ist, alle wichtigen Entscheidungen mit den Kollegen zu koordinieren. Wenn Menschen, die anfangs Feuer und Flamme für Selbstorganisation waren, auf einmal ihr Bestes tun, um sich um unangenehme Verantwortungen zu drücken. Oder wenn einfach unklar ist, wer in der neuen Struktur für ein Thema zuständig ist!

Das fühlt sich schlecht an – und steht im Gegensatz zu den Hoffnungen, die mit dem Thema verbunden sind. Dabei ist es eigentlich ganz normal, dass ein Wechsel in neue Strukturen erst mal mit Reibungsverlusten verbunden ist. Dass wir umlernen müssen. Dass Führungskräfte lernen müssen, Verantwortung wirklich abzugeben. Und Mitarbeiter erst in die (Selbst-) Führungsperspektive reinwachsen müssen.

Deshalb sage ich: Vorsicht vor überzogenen Erwartungen! Nichts demotiviert uns mehr als Zielbilder, die unerreichbar sind. Sie machen sich noch den besten Fortschritt madig, wenn sie ihn mit einem Paradies abgleichen, das es so nie geben wird.

Und: Pflegen Sie Ihre Geduld. Das Umschalten auf Selbstorganisation ist wie das Umschalten auf ein neues Betriebssystem. Es dauert, bis man sich zurechtfindet. Und wenn man Orientierung hat, kommt das erste Update. In anderen Worten: Die Veränderung hört nie auf!

Über Nicola Fritze

Nicola Fritze ist erfolgreiche Rednerin, Trainerin, Podcasterin und Buchautorin zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Motivation. Die Pädagogin ist zudem gefragte Beraterin für Unternehmen zu strategischen Fragen der Mitarbeitermotivation. Ihr Buch „Motivier Dich selbst – sonst macht’s ja keiner!“ ist seit 2013 auf dem Markt.

Weitere Informationen finden Sie auf www.nicolafritze.de.