HRM: Paranoia als Erfolgsfaktor?

Paranoia als Führungskompetenz? Warum uns Führungs-Studien manchmal in die Irre führen

Motivation am Montag von Nicola Fritze, Expertin für Persönlichkeitsentwicklung und Motivation

Fast täglich können wir neues über Führung lernen. Doch diesmal musste ich stutzen, als ich neulich im Zug die Frankfurter Zeitung aufschlug. „Wer unter Verfolgungswahn leidet, bringt es laut einer Studie schneller an die Spitze“, überschrieb die Zeitung einen Artikel zu einer aktuellen Studie der Hamburger Kühne Logistics University.

Die provokante These eines Forschers: Nicht kollegiale Führung und Vertrauen führten zu Erfolg im Unternehmen. Viel wichtiger für den Aufstieg sei ein gesundes Maß an Paranoia. Schließlich führe Angst dazu, dass Menschen sich immer absichern, potenziellen Wettbewerberinnen und Wettbewerbern mit Misstrauen begegnen und lieber doppelt hinschauen, als ein Arbeitsergebnis aus Vertrauensgründen einfach abzusegnen.

Tja, was soll man mit so einer Aussage aus der Welt der Wissenschaft nun machen? Alle guten Werte und Vorsätze über den Haufen werfen und sich den eigenen Angstszenarien hingeben? Misstrauenskultur pflegen, anstatt den eigenen Leuten mit Offenheit und Vertrauen zu begegnen? Zum ängstlichen Kontrollfreak mutieren – anstatt ein Arbeitsumfeld herzustellen, in dem Leute nach besten Wissen und Gewissen handeln können?

Wer so mit wissenschaftlichen Thesen umgeht, wird sich schnell fühlen wie ein Fähnchen im Wind. Schließlich unterliegen Studien, wie alle Arbeitsbereiche, Trends: Was heute in ist, ist morgen schnell widerlegt. Dazu kommt, dass viele aktuelle Studien sich stark widersprechen. Was dem einen Wissenschaftler evident scheint, findet der andere wieder genau falsch. Also keiner Statistik glauben, die man nicht selbst gefälscht hat?

Es ist wichtig, dass wir mündig mit diesen Erkenntnissen umgehen. Kein noch so gut recherchierter Aufsatz kann uns die Arbeit abnehmen, die wir als gute Führungskraft brauchen: Selbstreflexion über unsere Werte, unsere innere Haltung, unser Menschenbild. In einer Welt, in der die Grautöne immer mehr zunehmen, ist diese Selbstverortung wichtiger denn je.

Die oben erwähne Studie ist dafür ein gutes Beispiel. Klar, in manchen Unternehmen von heute mag Paranoia ein Erfolgsfaktor sein. Und zugleich wissen doch die meisten, dass immer mehr Menschen genau diese Art von Führungskultur satt haben. Dass Menschen wachsen, wenn Vertrauen und Fehler möglich sind. Dass Transparenz und ein hohes Maß an ehrlicher Kommunikation, an Feedback und Wertschätzung Menschen über sich selbst hinauswachsen lässt.

In anderen Worten: nur weil Paranoia heute ein gutes Rezept für die eine oder andere Unternehmenskarriere ist, heißt das nicht, dass sie der Lebensqualität und dem Lebensglück dient. Und wer sagt denn, dass die Erfolgsformel nicht die Versagerformel von morgen sein wird? Ich glaube fest daran, dass die Top-Unternehmen von morgen sehr anders funktionieren werden als heute: offen, transparent, vernetzt, vertrauensvoll, selbstorganisiert. Da haben Paranoiker schlechte Karten!

Über Nicola Fritze

Nicola Fritze ist erfolgreiche Rednerin, Trainerin, Podcasterin und Buchautorin zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Motivation. Die Pädagogin ist zudem gefragte Beraterin für Unternehmen zu strategischen Fragen der Mitarbeitermotivation. Ihr Buch „Motivier Dich selbst – sonst macht’s ja keiner!“ ist seit 2013 auf dem Markt.

Weitere Informationen finden Sie auf www.nicolafritze.de.