Vier Mitarbeiter meditieren im Wald

Mitarbeiter sind Menschen, Führungskräfte aber auch!

Senkrechtstarter – eine Kolumne von Dipl.-Psych. Rolf Schmiel

Der Vorgesetzte als MenschUnzählige psychologische Studien belegen es seit Jahren: Für die Mitarbeiter eines Unternehmens ist der Motivationsfaktor Nr. 1 der jeweils direkte Vorgesetzte. Doch statt dieses Wissen gewinnbringend zu nutzen, wird in Management-Meetings stundenlang darüber diskutiert, mit welchem Instrumenten die Mitarbeiter erfolgreich gesteuert werden könnten.

Leider wird dabei das Triviale und Naheliegende übersehen: Wenn Führungskräfte kein Gefühl für Menschen haben, dann versagen auch die cleversten Techniken. Dabei kann man dieses Manko den meisten Chefs nicht einmal vorwerfen. In ihren Ausbildungen wurden sie auf Zahlen und Strategien getrimmt. Sie wissen, wie man Prozesse steuert und optimiert, doch mit Menschen haben sie wenig am Hut.

Laut einer Befragung des Handelsblatts entscheiden sich Manager, wenn sie zwischen einem Mitarbeitergespräch und einer Sachaufgabe wählen können, zu 80% für die Sachaufgabe. Sie scheuen sich vor der Begegnung mit den Menschen, verschicken lieber unsensibel formulierte Emails und verstecken sich hinter Geschäftsberichten. Ihnen fehlt einfach der Blick für die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter. Sie merken als Chef nicht einmal, dass sie ihre Teams durch ihr Verhalten permanent demotivieren.

Doch das größte Problem ist nicht der fehlende Zugang zu den Mitarbeitern, sondern ein Gefühl für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse. Eine aktuelle Analyse der Techniker Krankenkasse zeigt, dass die Anzahl der Führungskräfte, die an psychischen und psychosomatischen Erkrankungen leiden, rapide zunimmt. Das Burn-Out-Phänomen ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die auch vor den Chefetagen kein Halt macht!

Die Renaissance der Menschlichkeit
Es ist höchste Zeit, dass es in den Unternehmen eine Renaissance der Menschlichkeit gibt. Damit ist nicht ein „Pipipip-wir-haben-uns-alle-lieb!“ gemeint, sondern ein strategischer Umgang mit den Gefahren der durchgängigen Überforderung der Chefs. Es ist eine Milchmädchen-Rechnung, wenn man glaubt, es sei förderlich für das Unternehmen, seine Manager jahrelang 60 bis 80 Stunden die Woche malochen zu lassen. Die Folgekosten aus stressbedingten Erkrankungen, wie Hörstürze, Herzinfarkte und auch Tabletten- oder Alkoholsucht sind nämlich immens hoch.

Zum Glück hat in einigen Unternehmen der Umdenkungsprozess schon begonnen und es wird nach Lösungen gesucht, wie alle Mitarbeiter, auch die Führungskräfte, wieder mehr Möglichkeiten geboten werden, eine gesündere Work-Life-Balance zu leben. Firmen, die diesen Trend verpassen, werden spätesten in 10 Jahren ein gewaltiges Problem haben. Sie werden kaum Chancen haben, im Wettbewerb um fähige Führungskräfte zu punkten. Schon heute zeigt sich, dass High-Potentials bei der Wahl des neuen Arbeitgebers weniger auf das Gehalt als auf intelligente Konzepte zur Vereinbarung von Beruf und Privatleben achten.

Wer die Herausforderungen der Zukunft meistern will, sollte vorübergehend einen Gang zurück schalten und überlegen, was er tun kann, damit er psychisch und physisch fit bleibt. Ein körperliches Wrack und Nervenbündel ist in den seltensten Fällen fähig, Menschen gekonnt zu führen. Führungskräfte müssen wieder lernen, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen. Ein Boxenstopp auf der Couch eines Therapeuten kann dabei sehr hilfreich sein. Das sollte man am besten tun, bevor man in der Reha nach dem Herzinfarkt dazu mehr oder weniger gezwungen wird.

 

Über Rolf Schmiel

Dipl.-Psych. Rolf Schmiel ist Management- und Motivationstrainer, berät große Unternehmen in Sachen Motivation- und Mitarbeiterführung und gilt als gefragter Keynote Speaker, Buchautor und Interviewpartner.