Mitarbeiterin mit Wecker am Arbeitsplatz

6-Stunden-Tage? Was wir von Gerüchten über schwedische Arbeitswelten lernen können

Motivation am Montag von Nicola Fritze, Expertin für Persönlichkeitsentwicklung und Motivation

Letztes Jahr ging eine Riesenwelle durchs Netz: Schweden führt die 6-Stunden-Arbeitstage ein! Gerade die Länder, die viel und intensiv arbeiten, staunten: Geht das wirklich? Schließlich schien Schweden zu brechen mit der Grundannahme, dass ein guter Lebensstandard uns immer mehr Arbeit abverlangt. Nichts anderes haben zumindest die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Ländern wie Deutschland und den USA in den vergangenen Jahren hören müssen…

Interessanterweise war die Meldung falsch – und geisterte dennoch monatelang durch die Netzgemeinde. Fakt ist: Die schwedische Regierung plant keine offiziellen 6-Stunden-Tage. Aber einige schwedischen Unternehmen entscheiden von sich aus, verkürzte Arbeitstage einzuführen. Unternehmen wie Toyota haben sich sogar schon vor fast 15 Jahren verpflichtet, den Tag auf sechs Arbeitsstunden zu verkürzen.

Work-Life-Balance statt 6-Stunden-Tag

Die Falschmeldung hat dennoch international für viel Aufmerksamkeit gesorgt – nur in Schweden nicht! Ein Artikel wertet nun aus, dass die angebliche Verkürzung der Arbeitszeit dort so gut wie kein Thema war. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass es kein großes Bedürfnis nach offiziell veränderten Arbeitszeiten gibt. Die Work-Life-Balance gilt in Schweden als ebenso vorbildlich wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Mit Grund. Der 6-Stunden-Tag mag auch in Schweden eine Ausnahme sein. Aber flexible Arbeitsregelungen sind dort ziemlich selbstverständlich – nicht die genaue Stundenzahl steht im Fokus, sondern die souveräne Einteilung der Arbeitszeit. Dahinter steht eine einfache Einsicht: längere Arbeitszeit bedeutet nicht längeres Arbeiten! Eher im Gegenteil.

Diejenigen von uns, die vor allem mit dem Kopf arbeiten, wissen es: es ist fast unmöglich, acht Stunden lang konzentriert und produktiv dabei zu bleiben, ohne nach einer Weile auszubrennen. Also schieben wir kleine Pausen ein, daddeln im Netz rum, klönen mit den Kolleginnen, gehen heimlich länger in die Mittagspause… am Schluss stehen sehr lange Arbeitstage, die aber nur zum Teil tatsächlich mit Arbeit gefüllt sind.

Hinzu kommt: wer acht Stunden + Pause + Arbeitsweg am Tag mit Arbeit belegt ist, ohne diese Zeit flexibel einzuteilen, bekommt den Rest des Lebens kaum mehr organisiert. Also schwappen viele Aufgaben des Alltags in die Bürozeiten: Arzttermine verabreden, Freunden auf Facebook schreiben, und so weiter. Die meisten von uns können ein Lied davon singen.

Das große Interesse für die angeblich kurzen Arbeitswochen in Schweden sollte Unternehmen und Regierung also auch in Deutschland hellhörig machen. Die Akzeptanz für starre Arbeitszeiten und Präsenzkultur schwindet rasant. Der Wunsch nach flexibler Zeiteinteilung und der Möglichkeit für Teilzeitlösungen, die kein Karrierekiller sind, ist allgegenwärtig. Dass das geht, kann man in Schweden lernen – also lohnt der Blick nach Norden, ob 6-Stunden-Tag oder nicht!

Über Nicola Fritze

Nicola Fritze ist erfolgreiche Rednerin, Trainerin, Podcasterin und Buchautorin zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Motivation. Die Pädagogin ist zudem gefragte Beraterin für Unternehmen zu strategischen Fragen der Mitarbeitermotivation. Ihr Buch „Motivier Dich selbst – sonst macht’s ja keiner!“ ist seit 2013 auf dem Markt.

Weitere Informationen finden Sie auf www.nicolafritze.de.